Islam und Politik

 

Entsprechend den Offenbarungen, die Gott den Menschen in der Form des Heiligen Qur-âns gegeben hat, erstreckt sich die Herrschaft Gottes zu allen Zeiten auf Himmel und Erde zugleich.

Schon in der ersten Sure des Heiligen Qur-âns, der Sure Al-Fateha, die von allen Muslimen täglich viele Male gebetet wird, heißt es zu deren Beginn:

 

»Aller Preis gehört Allah, dem Herrn der Welten,« (1:2)

 

Und an vielen Stellen im Qur-ân wird betont, daß Allah allein Derjenige ist, der in Wirklichkeit Herrschaft ausübt. So heißt es beispielsweise:

»Allahs ist das Königreich der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist; und Er hat die Macht über alle Dinge.« (5:121)

Gott sandte so in den verschiedenen Stadien der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft Propheten, die Weisung von Ihm erhielten, durch die die jeweiligen Völker, zu denen diese Propheten jeweils entsandt waren, auf den Wegen der Zivilisation und der moralischen und spirituellen Evolution geleitet wurden. Zu einem Zeitpunkt, als die Menschen begannen, zu einer großen Einheit zusammenzuwachsen, erwählte Gott den Heiligen Propheten Mohammad, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, auf daß er das vollkommene Gesetz für alle Menschen erhalte und vorlebe. Die Lehren und Gesetze vorangegangener Propheten waren in diesem letztlichen Gesetz verschmolzen worden, weswegen das offenbarte Buch, das dieses Gesetz enthält, der Heilige Qur-ân, die >Mutter der Schrift< (43:5) genannt wird. In dieser Schrift nun gibt Allah begründete Anweisungen für das Verhalten aller Menschen, insbesondere aber jener, die an sie glauben, d. h. die Muslime, zu Deutsch, die Gottergebenen. Indes wird der Heilige Prophet Mohammad (s) aufgefordert, alle Menschen insgesamt zum Glauben aufzurufen. So heißt es im Qur-ân (7:159), dass Allah zu ihm sagt:

»Sprich: >0 Menschen, ich bin euch allen ein Gesandter Allahs, Des das Königreich der Himmel und der Erde ist. Es ist kein Gott außer Ihm. Er gibt Leben und Er läßt sterben. Darum glaubet an Allah und an Seinen Gesandten, den Propheten, den Makellosen, der an Allah glaubt und an Seine Worte; und folget ihm, auf daß ihr recht geleitet werdet. <«

In Seiner Weisheit und Barmherzigkeit nun machte Allah Mohammad (s) nicht nur zum Verkünder ewiger Wahrheiten, zumal jener, die das Leben nach dem Tode betreffen und die Wege, wie die Menschen in ihrem irdischen Dasein die Voraussetzungen dafür schaffen können, im Jenseits, in dem alle Illusionen, Lüge und Trug vergangen sind, ohne Leiden zu existieren; mehr noch, Allah setzte den Heilt-   • gen Propheten Mohammad (s) als Vorbild für alle Menschen ein, das in allen Bereichen des Lebens, und somit auch als Staatsmann, zeigen und beweisen konnte, welche Handlungsweise letztlich zum Erfolg führt. So heißt es

 

»Wahrlich, ihr habt an dem Propheten Allahs ein schönes Vorbild für jeden, der auf Allah und den Letzten Tag hofft und Allahs häufig gedenkt.« (33:22)

 

 Daraus, daß der Prophet des Islam die Muslime auch als Staatsmann anführte, läßt sich indes nicht wirklich ableiten, daß, wie so oft behauptet wird, im Islam Religion und Politik eins seien. Der Qur-ân sagt nicht, daß die religiöse Leitung eines Volkes gleichzeitig auch die politische Leitung eines Volkes sein müsse, sondern fordert dazu auf, in Verwaltungsangelegenheiten die dafür Fähigsten und Vertrauenswürdigsten auszuwählen. So heißt es im Qur-ân:

 

»Allah gebietet euch, daß ihr die Treuhandschaft jenen übergebt, die ihrer würdig sind; und wenn ihr zwischen Menschen richtet, daß ihr richtet nach Gerechtigkeit. Fürwahr, herrlich ist, wozu Allah euch ermahnt. Allah ist allhörend, allsehend. 0 die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehlsgewalt unter euch haben. und wenn ihr in etwas uneins seid, so bringt es vor Allah und den Gesandten, so ihr an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag. Das ist das Beste und am Ende auch das Empfehlenswerteste.«(4:59-60)

 

In Staatsangelegenheiten ist also von den Muslimen zu beachten, daß sie jenen durch ihre Wahl überantwortet werden, die die besten Kenntnisse und Fähigkeiten für solches Tun besitzen. Es wird nicht gesagt, daß dies zugleich die Frömmsten eines Volkes sein sollen, wenngleich ein überragendes Maß an Moral, an hoher Tugend, an Einsicht, an Weisheit, an Unparteiigkeit und Gerechtigkeit zu den Eigenschaften der politischen Führer zählen sollen. Besonderes Gewicht wird hier auf die Gerechtigkeit gelegt, und vom Heiligen Propheten Mohammad (s) wird berichtet, daß er gesagt hat:

 

 »Die Gerechtigkeit ist eine Blutschwester des Islam.«

 

Zudem wird in den beiden eben zitierten Versen aber auch gesagt, daß, angesichts der Tatsache, daß die Herrschaft allein Allah gehört, daß Allah allein der >wahre König< ist (23:117), Seine Herrschaft bezüglich politischer Angelegenheiten sich darin ausdrückt daß die Menschen aufgefordert sind, Ihm zu gehorchen. Das bedeutet gleichzeitig, daß die Menschen aufgefordert sind, dem Gesetz zu gehorchen, daß Er für die Menschen herabsandte und durch den Heiligen Propheten Mohammad (s) sinnfällig werden ließ, so daß auch ihm gegenüber Gehorsam vonnöten ist. Der Vierte Kalif der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, HAZRAT MIRZA TAHIR AHMAD, sagte deswegen in einer Ansprache zum Thema >Die Verantwortung des Islam gegenüber den gegenwärtigen Problemen im Jahre 1990:

 

»Was das Betreiben politischer Angelegenheiten betrifft, wird Gottes Herrschaft auf zwei Wegen ausgedrückt: a) Das Gesetz (im Arabischen Scharia genannt, d. Verf.) wie aus dem Heiligen Qur-ân, dem Verhalten des Heiligen Propheten des Islam (s) und auch den etablierten Überlieferungen, die ihm von den frühen Muslimen zugeschrieben werden, abgeleitet, steht üb er allem. In ihnen sind essentielle Richtlinien für die Gesetzgebung enthalten. und keine demokratisch gewählte Regierung kann diesen ausdrücklichen Willen Gottes ausschalten, b) Kein legislativer Prozess ist gültig, wenn er im Widerspruch zu den eben angeführten Prinzipien steht. Unglücklicherweise jedoch besteht keine Einmütigkeit unter den Gelehrten der verschiedenen Richtungen des Islam, was konkret die Gesetze (Scharia) sind. Indes stimmen alle Gelehrte darin überein, daß Gesetzgebung das Vorrecht Gottes ist und daß Er Seinen Willen durch die auränische Offenbarung an den Heiligen Begründer des Islams ausgedrückt hat. Hinsichtlich der Art und Weise, wie muslimische Regierungen geführt werden sollten, ist die allgemeine Vorstellung die, daß hinsichtlich der tagtäglichen Verwaltungsangelegenheiten, Entscheidungen und Maßnahmen die Regierung, als Repräsentant des Volkes, zu Ausführenden von Gottes Willen wird. Da Herrschaft dem Volk gehört, das sie als delegierte Macht überantwortet bekommen hat, ist solch ein System mithin demokratisch.«

 

Daß Islam und Demokratie keine Alternativen sind, sondern daß islamische Denker und Intellektuelle Demokratie als etwas ansehen, zu dem der Heilige Qur-ân Leitung vorgibt, wird aus den folgenden Versen deutlich. So heißt es:

 

»Was euch gegeben ward, es ist nur ein vorübergehender Genuß für dieses Leben, und das, was bei Allah ist, ist besser und bleibender für jene, die glauben und auf ihren Herrn vertrauen, und die die schwersten Sünden und Schändlichkeiten meiden und, wenn sie zornig sind, vergeben; und die auf ihren Herrn hören und das Gebet verrichten und deren Handlungsweise

(eine Sache) gegenseitiger Beratung ist, und die spenden von dem, was Wir ihnen gegeben haben; und die, wenn eine Vnbill sie trifft, sich verteidigen. Die Vergeltung für eine Schädigung soll eine Schädigung in gleichem Ausmaß sein; wer aber vergibt und Besserung bewirkt, dessen Lohn ist sicher bei Allah. Wahrlich, Er liebt die Ungerechten nicht.« (42:37-41)

 

Hier wird von Allah dazu aufgefordert, sich gegenseitig zu beraten, was eine Alleinherrschaft, ein totalitäres System als islamischen Ausdruck von Politik ausschließt. Selbst der Heilige Prophet Mohammad (s) wurde von Allah angewiesen, die Meinung des Volkes zu berücksichtigen. So heißt es:

 

»und ziehe sie zu Rate in Sachen der Verwaltung; wenn du aber dich entschieden hast. dann setze dein Vertrauen auf Allah.« (3:160)

 

Der Repräsentant eines islamischen Staates ist mithin daran gebunden, erst aufgrund von Kenntnissen und Erfahrungen zu entscheiden, die ihm vom Volk übermittelt wurden. Dabei ist es Gebot, daß er weise, barmherzig und liebevoll handelt und Anmaßung, Arroganz und Willkür ausschaltet. Dies wird in den Worten gefordert, die den eben zitierten vorausgehen. Der ganze Vers nämlich lautet:

 

»Es geschieht um Allahs Barmherzigkeit willen, daß du zu ihnen milde bist; und wärest du schroff, hartherzig gewesen, sie wären gewiß rings um dich zerstoben. So verzeih ihnen und erbitte Vergebung für sie; und ziehe sie zu Rate in Sachen der Verwaltung; wenn du aber dich entschieden hast, dann setze dein Vertrauen auf Allah. Allah liebt die Vertrauenden.« (3:160)

 

Oberstes Prinzip der Entscheidungsträger eines islamischen Staates ist absolute Gerechtigkeit. Der Heilige Qur-ân ist kompromisslos in dieser Beziehung und sagt beispielsweise:

»O die ihr glaubt, seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und legt Zeugnis ab um Allahs willen, mag es auch gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte sein. Oh Reicher oder Armer, Allah hat über beide mehr Rechte. Darum schützet euch davor, niederen Begierden zu folgen, damit ihr durch sie nicht irregeführt werdet, so daß ihr in der Lage sein wöget, gerecht und billig zu handeln. Und wenn ihr die Wahrheit, verbergt oder ihr ausweicht, dann denkt daran, daß Allah wohl kundig eures Tuns ist.« (4:136)

 An anderer Stelle heißt es dazu:

»O die ihr glaubt, seid standhaft in Allahs Sache und legt Zeugnis ab in Gerechtigkeit, und laßt nicht die "Feindseligkeit eines Volkes gegen euch Anlaß dafür sein, aufgereizt zu werden und folglich anders als gerecht zu handeln. Seid immer gerecht, das ist näher der Rechtschaffenheit und Gottesfurcht. Fürchtet Allah, wahrlich, Allah ist wohl kundig dessen, was ihr tut.« (5:9)

 

Im Islamischen Staat darf also niemand wegen seines Standes, seines Geschlechts, seiner Religionszugehörigkeit oder seiner Rasse benachteiligt bzw. bevorzugt werden. Aufgabe des islamischen Staates ist es mithin, dafür zu sorgen, daß alle Bürgerinnen und Bürger, die sich in seinen Schutz begeben haben, alle Voraussetzungen erhalten, um alle ihre guten Fähigkeiten und Talente vollkommen zu entfalten. Der Heilige Qur-ân weist darauf hin, indem er von der ersten Zivilisation des Menschengeschlechts sagt:

 

»Es ist für dich (gesorgt)/ daß du darin weder Hunger fühlen noch nackend sein sollst. und daß du darin nicht dürsten noch der Sonnenhitze ausgesetzt sein sollst.« (20:119-120)

 

Neben der Grundversorgung seiner Bürgerinnen und Bürger hat der islamische Staat die Aufgabe, auch ihre intellektuellen Möglichkeiten zu fördern. Der Heilige Prophet Mohammad (s) sagte:

 

»Wissen zu erwerben ist eine Pflicht für Mann und Frau.«

 

Der Prophet betonte hier, daß gerade auch den Frauen die Chancen, ihre intellektuellen Fähigkeiten zu nutzen, eröffnet werden muß. Er sagte, diesbezüglich, auch:

 

»Wer zwei Töchter hat und läßt ihnen eine gute Erziehung angedeihen, der wird mit mir so nahe im Paradies sein wie diese beiden Finger«,

 

und ergob dabei der Mittelfinger und den Zeigefinger seiner rechten Hand, aneinandergeschmiegt.

Der Heilige Qur-ân ist in vielen Versen eindeutig darin, daß Männer nicht vor Frauen bevorzugt behandelt werden dürfen, und daß Frauen den Männern absolut gleichwertig sind. Nach diesen grundlegenden Ausführungen stellen sich einige Fragen, die angesichts der gegenwärtigen Praxis mancher, die sich als Muslime verstehen, im Westen wie im Osten für Diskussionsstoff sorgen.

Zum einen: Haben Muslime das Recht, sich mit Waffengewalt gegen eine Regierung des Landes, in dem sie wohnen, zu erhebend Zum anderen: Welche Rechte haben Andersgläubige, die in einem islamischen Staat lebend Die erste Frage, ob Muslime mit Waffengewalt eine, zumal nicht-muslimische Regierung bekämpfen dürfen, wird meist in Zusammenhang mit dem als Gebot begriffenen Jehad gebracht. Jehad wird im Westen meist mit >Heiliger Krieg< übersetzt, wiewohl im Qur-ân eine Verbindung von >heilig< und >Krieg< nicht vorkommt und der Begriff wahrscheinlich von den christlichen Kreuzzügen herrührt. Jehad  genau übersetzt bedeutet: >Sich anstrengen<, >Sich bemühen< auf dem Pfade Allahs.

Der Islam kennt mehrere Formen des >Jehad<. Ein Bericht aus dem Leben des Heiligen Propheten Mohammed (s) macht dies deutlich. Er sagte, als er einmal von einem Kampf zurückkam:

 

»Wir kommen aus dem kleinen Jehad und gehen in den großen Jehad.«

 

Mit >kleinem Jehad< (>Jehad saghir<) meinte er die Verteidigung der Glaubensfreiheit mit der Waffe; mit >großem Jihad< (>Jehad akhar<) die Anstrengungen der Muslime im Kampf gegen ihre niederen Begierden, den Egoismus. Zudem erwähnt der Heilige Qur-ân auch den >mittleren Jehad< (>Jehad kabir<), d. h. die Übermittlung der Glaubensinhalte mit dem Wort. Alle Formen des Jihad sind, je nachdem, dem Muslim eine Pflicht. Was den >kleinen Jehad< angeht, den >Kampf mit der Waffe<, so ist er nach den Lehren des Heiligen Qur-âns ausschließlich als Verteidigung der Glaubens und Gewissensfreiheit zu verstehen.

In keinem Vers erlaubt der Heilige Qur-ân eine Aggression, schon gar nicht die Verbreitung des Glaubens mit >Feuer und Schwere. 

Alle Kriege, die der Heilige Prophet Mohammed (s) führte, waren ihm aufgezwungen worden, auch  seine unmittelbaren Nachfolger wurden zu ihren Kriegszügen genötigt, um sich der damaligen Supermächte, Rom und Persien, zu erwehren, die den Islam vernichten wollten. Niemals in der Geschichte des Islam hat es Zwangsbekehrungen gegeben. Absolute Glaubens- und Gewissensfreiheit ist eins der höchsten Gebote des Islam. So heißt es im Heiligen Qur-än, um nur zwei von vielen Versen zu zitieren:

 

»In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben« (2:257)

 

Und:

 

»Die Wahrheit ist es von eurem Herrn. So laß den, der will, glauben, und den, der nicht will, ungläubig sein.« (18:30)

 

Sinn eines Jehads darf es nur sein, sich zu verteidigen und eine Ordnung herzustellen, in der alle Menschen in Frieden und gemäß ihrer Glaubensvorstellungen, ohne anderen dadurch zu schaden, leben können. Der Heilige Qur-än sagt dazu:

 

»Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah - und Allah hat fürwahr die Macht, ihnen zu helfen -, jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur weil sie sprachen: >Unser Herr ist Allah<. Und würde Allah nicht die einen Menschen durch die anderen im Zaum halten, so wären gewiß Klöster und Kirchen und Synagogen und Moscheen niedergerissen worden, worin der Name Allahs oft genannt wird. Allah wird sicherlich dem beistehen, der Ihm beisteht. Allah ist fürwahr allmächtig, gewaltig. « (22:40,41)

 

Aus Machtstreben und politischem Kalkül heraus Kriege zu führen, ist vom Heiligen Qur-än nicht gestattet worden. In einem vorhin zitierten Vers heißt es so, daß die Menschen jenen gehorchen sollen, die Befehlsgewalt haben (4:60). Wenn Frieden im Land herrscht und Glaubensfreiheit herrscht, ist Gewalttat verboten. So heißt es im Heiligen Qur-än:

 

»Verursacht keine Unordnung auf der Erde, nachdem Friede auf ihr hergestellt ist. « (7:57)

 

 Und:

 

»Sucht nicht, Unordnung auf Erden zu schaffen. Wahrlich, Gott liebt jene nicht, die danach trachten, Unordnung zu schaffen. « (28:78)

 

An anderer Stelle im Heiligen Qur-än wird vor Leuten gewarnt, die egoistische Interessen haben und sich durch Betrug an die Macht bringen wollen. In der Übersetzung von SIR ZAFRULLA KHAN, dem Präsidenten der 17. UNO-Vollversammlung und späteren langjährigen Präsidenten des Internationalen Gerichtshofs zu Den Haag lautet sie folgendermaßen:

 

»Es gibt unter den Leuten welche, die redegewandt und logisch über alles mögliche sprechen und Gott zum Zeugen dafür nehmen, daß ihre Motive und Absichten ernsthaft gemeint sind, jedoch rufen sie beständig Unruhe und Zerwürfnis durch ihre Hartnäckigkeit in dem Bemühen hervor, Differenzen und Diskussionen herzustellen, und wenn der Fall eintritt, daß sie Herrschaft im Lande ausüben, dann gehen sie im Land umher und bemühen sich, Unordnung zu schaffen, die die Ernte zerstört und schweres Leiden und Kümmernisse für aas Volk mit sich bringt. Allah liebt solches Verhalten nicht. « (2:205,206)

 

Die Aufgabe des Menschen auf der Erden besteht darin, seine Seele zu läutern, nicht, Macht über andere auszuüben oder Reichtum anzuhäufen. Den Menschen muß deswegen seitens eines islamischen Staates die Möglichkeit gegeben werden, ihr Leben dementsprechend zu gestalten. Niemandem steht es zu, andere zu ihrem Glück zu zwingen. Der Heilige Qur-ân sagt dazu:

 

»Und bei der Seele und ihrer Vollendung - Er gewährte ihr den Sinn für aas, was für sie unrecht und was für sie recht ist. Wahrlich, wer sie lauterer werden läßt, der wird Erfolg haben; und wer sie in Verderbnis hinabsinken läßt, der wird zuschanden. «(91:8-11)

 

Das Bemühen von Muslimen, die in einem Staat wohnen, der ihnen die Freiheit läßt, ihren Glauben alles in allem zu leben, sollte also darauf gerichtet sein, Reinheit in Gemüt und Wesen zu erlangen.

Wenn ihre Grundfreiheiten gewahrt sind, sie aber in einzelnen Aspekten Schwierigkeiten erleiden, sollten sie mit dem Mittel des >Jehad kabir<, also der Überzeugungsarbeit, versuchen, ihr Los zu verbessern. Sehen sie sich dazu außerstande, bleibt ihnen, gemäß der Lehre des Qur-âns, die Möglichkeit der Auswanderung. So heißt es:

 

»Zu jenen, die - Unrecht gegen sich selbst tuend - von Engeln dahingerafft werden, werden diese sprechen: >Wonach strebtet ihr^< Sie werden antworten: >Wir wurden als Schwache im Lande behandelte Da sprechen jene: >War Allahs Erde nicht weit genug für euch, daß ihr darin hättet auswandern könnend Sie sind es, deren Aufenthalt die Hölle sein wird, und übel ist die Bestimmung, ausgenommen nur die Schwachen unter den Männern, Frauen und Kindern, die außerstande sind, einen Plan zu fassen oder einen Weg zu finden. Diese sind es, denen Allah bald vergehen wird, denn Allah ist allvergebend, allverzeihend. Wer für die Sache Allahs auswandert, der wird auf Erden genug Stätten der Zuflucht und der Fülle finden. und wer sein Haus verläßt und auswandert auf Allahs und Seines Gesandten Weg und dabei vom Tode ereilt wird, dessen Lohn obliegt sodann Allah, und Allah ist allverzeihend, barmherzig.« (4:98-101)

 

Es ist wohl deutlich geworden, welcher Art die Möglichkeiten für Gläubige sind, ihrem Glauben gemäß zu leben. Jedenfalls gibt es im Heiligen Qur-ân wie auch in der Sunna, d. h. der Praxis des Heiligen Propheten Mohammad (s) keine Erlaubnis, einen Glaubenskrieg gegen Andersgläubige zu führen, solange man nicht mit Gewalt daran gehindert wird, die Prinzipien des Islam zu praktizieren; und selbst wenn in dieser Hinsicht von Andersgläubigen Anstrengungen unternommen werden, sollen, dem Qur-ân zufolge, erst Anstrengungen unternommen werden, auf dem Verhandlungswege bessere Glaubensbedingungen zu erreichen, zudem soll die Möglichkeit einer Auswanderung in Betracht gezogen werden.

Soweit zur Frage, inwiefern Muslime das Recht haben, zu den Waffen zu greifen.

Die zweite Frage, die wir vorhin angeschnitten haben, betrifft die Rechte von Andersgläubigen in einem islamischen Staat. Sicherlich ist es so, daß die Herrschenden in einem islamischen Staat das Recht haben, für ihre muslimischen Bürgerinnen und Bürger die Gesetze der Scharia einzurichten, wobei, wie auch vorhin erwähnt, die verschiedenen islamischen Gruppierungen sich uneins sind, wie die Gesetze der Scharia alles in allem aussehen. Manch eine, sich islamisch nennende Rechtssprechung übergeht sogar eindeutig im Heiligen Qur-ân festgelegte Regeln und Gebote und spielt, sozusagen, Gott vor eigenen Gnaden. So gibt es laut Qur-ân weder eine irdische Rechtssprechung bei Blasphemie, bei Beleidigung des Heiligen Propheten Mohammad, bei Abfall vom ^       Glauben, und die üblerweise bisweilen geforderte Steinigung von Ehebrechern wird vom Qur-ân ausdrücklich verneint, um nur ein paar Beispiele zu geben.

Vollständig untersagt ist es auch, nicht-muslimische Bürgerinnen und Bürger nach dem Gesetz des Islam, wie immer es aussieht, zu beurteilen. Wir erwähnten bereits die immer wieder ausdrücklich durch den Heiligen Qur-ân verankerte Glaubens- und Gewissensfreiheit, so daß eine Religionspolizei, die Zwangsverschleierung anordnet, im Islam keineswegs vorgesehen ist. Daraus ist zu schließen, daß die Rechte von Nichtmuslimen in einem islamischen Staat in allen Belangen, die ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit, mehr noch, ihr Vorwärtskommen in intellektuellen Bereichen zudem, betreffen, gewahrt werden müssen.

Da der Heilige Qur-ân die Gerechtigkeit allen Bürgerinnen und Bürgern eines islamischen Staates gegenüber zum obersten Prinzip erheben muß, scheint uns die Forderung mancher nach Einführung einer Theokratie nichtig. Wenn Religion und Staatsführung in eins fielen, wäre die Gesetzgebung für alle notwendigerweise durch das religiöse Gesetz gefordert. Wie wir aber zeigten, bedeutete das einen Verstoß gegen das Prinzip der absoluten Gerechtigkeit und der vollkommenen Glaubensfreiheit. Natürlich wird in einem Staat, der mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird, die Möglichkeit, daß Religiöses mit Staatsführendem überlappt, bisweilen gegeben sein. Aber wir sehen in der Geschichte des Islam, daß ein Höchstmaß von Toleranz am Fruchtbarsten stets gewesen ist.

Im übrigen könnten dann, wenn sich ein islamischer Staat eine wie auch immer geartete Form der Scharia zum allgemeingültigen Gesetz machte, jeder nichtislamische Staat mit gleichem Fug und Recht das religiöse Gesetz der Mehrheit seiner Einwohner zum Gesetz für alle erheben, die Folgen wären Mord und Totschlag überall auf der Welt, Zwang und Unterdrückung. Der Heilige Qur-ân gibt den an ihn Glaubenden keine solche Perspektive. Stattdessen ermahnt Allah im Heiligen Qur-ân die Gläubigen, nur im Falle von Aggressionen und somit gezwungenermaßen sich bewaffnet zu wehren, dann allerdings eingedenk des Umstandes, daß es gilt, die friedfertige Zivilisation vor einer tyrannischen Barbarei zu bewahren. So heißt es:

 

»und kämpfet für Allahs Sache gegen jene, die euch bekämpfen, doch überschreitet das Maß nicht, denn Allah liebt nicht die Maßlosen. Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben; denn Verfolgung ist ärger als Totschlag. Bekämpft sie aber nicht bei der Heiligen Moschee, solange sie euch dort nicht angreifen. Doch wenn sie euch angreifen, dann kämpft wider sie; das ist die Vergeltung für die Ungläubigen. Wenn sie jedoch ablassen, dann ist Allah allvergebend, barmherzig. Und bekämpft sie, bis die Verfolgung aufgehört hat und der Glauben an Allah (frei) ist. Wenn sie jedoch ablassen, dann (wisset), daß keine Feindschaft erlaubt ist, außer wider die Ungerechten.« (2:191-194)

 

Das Wort Islam heißt übersetzt: >Frieden finden, indem man sich Gott unterwirft<.

Frieden für alle ist damit das Bestreben des Muslims. Mit Haß und Feindschaft und ungerechtem Krieg kann Frieden indes nicht erzielt werden.

 

»Wehre das Böse ab mit dem, was das Beste ist. « (41:35)

     

lehrt der Heilige Qur-ân, und wir können seine Lehre in den Worten zusammenfassen:

 

»Liebe für alle, Haß für keinen«.

 

Stets soll sich der Muslim bewußt sein, daß die Herrschaft der Himmel und der Erde Allahs ist, und daß Er Seine Dienerinnen und Diener, die Menschen, sehr wohl sieht, und daß sie einst Rechenschaft ablegen müssen für ihre Handlungen. Wenn die Waagen der Gerechtigkeit aufgestellt werden, wird offensichtlich werden, wer wirklich nach allen Geboten des Heiligen Qur-âns gehandelt hat und wer aus Eigennutz Verse herauspickte und verdrehte. Deswegen fordert Allah die Gläubigen auf, bei Ihm Zuflucht zu suchen vor der Willkür von Herrschenden. Im Heiligen Qur-ân lehrt uns so Allah deswegen das erleuchtende Gebet der Sure 114, der letzten Sure des

Heiligen Qur-âns:

 

»Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. Sprich: >Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, vor dem Übel des schleichenden Einflüsterer - der da einrüsten in die Herzen der Menschen - unter den Dschinn und den Menschen.«

 

 Zuflucht suchen sollen die Friedfertigen bei Allah, dem Herrn der Menschen, vor den Betrügereien und Unrechtmäßigem derjenigen, für die sie arbeiten und von denen sie Lohn beziehen; Zuflucht suchen sollen die Friedfertigen bei Allah, dem König der Menschen, vor der Grausamkeiten und Willkürakten der Herrschenden; Zuflucht suchen sollen die Friedfertigen bei Allah, dem Gott der Menschen, vor dem Heuchlerischen und eigenmächtigen Auslegen der Gebote durch die selbsternannten Gottesgelehrten. Und Zuflucht suchen und Trost finden können die Friedfertigen, die Gottesdienerinnen und Gottesdiener, die Muslime, indem sie das Gebet an Allah richten, das Er in den Versen 27 und 28 der Sure 3 offenbart hat:

 

»O Allah, Herr der Herrschaft, Du gibst die Herrschaft, wem Du willst, und Du nimmst die Herrschaft, wem Du willst, Du erhöhst, wen Du willst, und erniedrigst .wen Du willst. In Deiner Hand ist alles Gute. Wahrlich, Du hast Macht über alle Dinge. Du lassest die Nacht übergehen in den Tag und lassest den Tag übergehen in die Nacht. Du lassest das Lebendige hervorgehen aus dem Toten und lassest das Tote hervorgehen aus dem Lebendigen. Und Du gibst, wem Du willst, ohne zu rechnen.«

 

Und unser letztes Wort sei:

 

Aller Preis gebührt Allah, dem Herrn der Welten.

von

Hadayatullah Hübsch

 

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