Die gesellschaftliche Bedeutung des Islams

Von

Sir Muhammad Zafrulla Khan

 

In Übereinstimmung mit dem ausdrücklichen Gebot des Qur-âns betont der Islam uneingeschränkt die Gewissensfreiheit.

Es soll kein Zwang sein im Glauben. Gewiß, Recht ist nunmehr deutlich unterscheidbar von Unrecht. (II, 257)

Und ferner:

Die Wahrheit (ist es) von eurem Herrn; darum laß den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will. (XVIII, 30)

Ich beabsichtige in diesem Aufsatz, die Behandlung einer grundlegenderen Frage zu unternehmen. Der Islam begründet sich auf Offenbarung wie die anderen großen Religionen; genauer, wie die beiden anderen semitischen Glaubensbekenntnisse - jüdische Religion und Christentum -, mit denen er vieles gemeinsam hat (VI, 84-92). Aber es besteht ein wesentlicher Unterschied.

Der Heilige Qur-ân ist ausschließlich eine Aufzeichnung der mündlichen Offenbarungen, die der Heilige Prophet des Islams während eines Zeitabschnitts von reichlich zweiundzwanzig Jahren empfangen hat. Nach muslimischen Glauben ist daher der Qur-ân das Reine Wort Gottes. Des Heiligen Propheten eigene Auslegungen und Erklärungen stehen daher nicht im Qur-ân; sie sind in anderen Sammlungen enthalten.

Der Qur-ân erhebt den Anspruch, für alle Zeiten und für alle Grundwahrheiten - ob es sich um Prinzipien, Verfahrensweisen oder lebenswichtige Einzelheiten handelt- Führung zu geben. Er erschließt dem Streben nach Wissen und der Forschung ein weites Feld, jedoch entsteht am Anfang die Frage, in welchem Umfang er verpflichtet und Regeln aufstellt und was er dem persönlichen Ermessen, der Erfahrung und dem Lernen durch Versuchen und Irren überläßt. Ich habe absichtlich die Anwendung des Wortes »Vernunft« in diesem Zusammenhang vermieden, damit es nicht Anlaß zu einem Missverständnis gebe. Denn nach dem Qur-ân leitet die Vernunft sowohl auf dem Gebiet des Glaubens als auch auf dem des eigenen Ermessens und der Erfahrung. Der Qur-ân fordert die Menschheit zum Glauben durch die Anwendung von Vernunft auf. Er enthält viele Anregungen, Aufforderungen, Ermahnungen und Hinweise »zu erwägen«, »zu überlegen«, »nachzudenken« und »zu verstehen«. Wiederholt lenkt er die Aufmerksamkeit auf Naturerscheinungen und fordert »Menschen mit Verständnis und Weisheit« auf, über die darin enthaltenen »Zeichen« nachzudenken und Lehren aus ihnen zu ziehen. So wurde zum Beispiel dem Heiligen Propheten - und durch ihn natürlich den Muslims - befohlen:

Rufe auf zum Wege deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt am besten jene, die recht geleitet sind. (XVI, 126)

Durch Weisheit und Verständnis gelangt man zur Führung:

Er gewährt Weisheit, wem Er will; und wem da Weisheit gewährt ward, dem ward wahrhaftig reiches Gut gewährt; niemand aber will es bedenken, außer den mit Verständnis Begabten. (II, 270)

Um die Ermahnungen und Aufforderungen zu veranschaulichen, seien folgende Beispiele angeführt:

Und unter Seinen Zeichen ist dies, daß Er Gattinnen für euch schuf aus euch selber, auf daß ihr Frieden in ihnen fndet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das nachdenkt. (XXX, 22)

 

Und unter seinen Zeichen ist die Schöpfung der Himmel und der Erde, und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für solche, die wissen. (XXX,23)

 

Und unter seinen Zeichen ist euer Schlafen bei Nacht und Tag, euer Trachten nach Seiner Gnadenfülle. Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das hört. (XXX, Und unter Seinen Zeichen ist dies, daß Er euch den Blitz zeigt zu Furcht und Hoffen und Wasser, vom Himmel herniedersendet und damit die Erde belebt nach ihrem Tode. Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das versteht. (XXX,25)

Und ferner:

 

Allah ist es, Der euch das Meer dienstbar gemacht hat, daß die Schiffe darauf hinsegeln nach Seinem Geheiß und daß ihr nach Seiner Gnadenfülle trachtet und daß ihr dankbar seiet. Und Er hat euch dienstbar gemacht, was in den Himmeln und was auf Erden ist; alles ist von Ihm. Hierin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken. (XLV,13-14)

 

(Dies ist) ein Buch, das Wir dir offenbart haben, voll des Segens, daß sie seine Verse betrachten möchten und daß die mit Verständnis Begabten ermahnt seien. (XXXVIII, 30)

 

Die Beispiele könnten vervielfacht werden, doch dürften diese genügen.

Die von mir gestellte Frage lautet also nicht: »Was wird von der Offenbarung beherrscht und geregelt und was der Vernunft überlassen? «,

sondern: »Was wird von der Offenbarung - deren Wahrheit die Vernunft bestätigt hat - beherrscht und geregelt und was eigenem Ermessen und Erproben überlassen? «

Der Qur-än selbst macht diesen Unterschied:

0 Kinder Adam, wenn zu euch Gesandte kommen aus eurer Mitte, die euch Meine Zeichen verkünden - wer dann gottesfürchtig ist und gute Werke tut, keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern. (VII, 36)

Andererseits enthält er die Ermahnung:

0 die ihr glaubt! Fragt nicht nach Dingen, die, würden sie euch enthüllt, euch nur Wirrnis brächten... Allah hat sie ausgelassen. Und Allah ist allverzeihend, langmütig. Es haben schon vor euch Leute nach solchen gefragt, doch dann versagten sie ihnen den Glauben. (V, 102-103)

So wird die Wahrheit hervorgehoben, daß Göttliche Führung immer wohltätig ist und ihr deshalb gefolgt werden muß, aber daß wir keineswegs versuchen dürfen, den Bereich des Nachdenkens, Beurteilens und Forschens einzuschränken.

Soweit es Grundwahrheiten berührt, kann das Übel, das durch Einschlagen eines schädlichen oder falschen Weges entsteht, unheilbar oder doch sehr weitreichend sein. Für diese Dinge bietet die Offenbarung Führung. Aber selbst diese Führung ist nicht starrer, als für den Aufbau der menschlichen Gesellschaft unbedingt erforderlich ist. In den meisten Fällen besitzen die Vorschriften der Schari'at eine gesunde Elastizität, Sophisten und Juristen waren es, die versucht haben, sie unnötig starr zu machen. Außerhalb dieser Einschränkungen sind die Muslims nicht nur frei, nach ihrem Ermessen zu handeln und die aus Erfahrung und Beobachtung gewonnenen Lehren anzuwenden, sondern sie werden sogar dauernd und wiederholt dazu ermahnt. Betrachten wir die so wichtige Verfassung, jenes grundlegende Gesetz, das die politischen, exekutiven, legislativen und juridischen Funktionen des Staates festlegt. Der Qur-än hat die wichtigsten Prinzipien mit großem Nachdruck gegeben, aber es dem betreffenden Volk überlassen, sie in Übereinstimmung mit seinen besonderen Erfordernissen und Verhältnissen zu verwirklichen. Die Grundprinzipien werden folgendermaßen ausgedrückt:

Wahrlich, Allah gebietet euch, daß ihr Vertrauenssachen denjenigen übergebt, die ihrer würdig sind, und wenn ihr zwischen Menschen richtet, daß ihr richtet nach Gerechtigkeit. Fürwahr, herrlich ist, wozu Allah euch ermahnt. Allah ist allhörend, allsehend. (IV, 59)

Von diesem eindringlichen Befehl läßt sich deutlich auf mehrere Grundsätze schließen. Zunächst, daß unter Gottes Leitung die Souveränität beim Volke liegt. Es ist Sache des Volkes, mit den verschiedenen Arten staatlicher Autorität Personen zu betrauen, die dafür am geeignetesten erscheinen. Damit wird auf den sehr wichtigen Grundsatz aufmerksam gemacht, daß Ausübung des Wahlrechtes und Tätigkeit in Volksvertretung, Exekutive und Justiz alle gleichsam eine unverletzliche Pflegschaft sind und in diesem Sinne ausgeführt werden müssen. Diese Ermahnung trägt sofort die Politik vom Kampfplatz der Kontroversen, Kämpfe und niedrigen Machenschaften in die gehobene Sphäre moralischer und geistiger Aufgaben. Die richtige Ausübung des Wahlrechtes ist der Schlüssel zum erfolgreichen Funktionieren der Demokratie. Dies wird im Qur-ân in befehlenden Worten betont. Danach wird die Unabhängigkeit und Unversehrbarkeit des Richteramtes unterstrichen. Der Vers geht weiter, indem er die Muslime ermahnt. Sie könnten von Zeit zu Zeit versucht sein, von diesen Grundsätzen abzuweichen, aber sie täten gut daran, sie immer zu befolgen, denn »Gottes Ermahnung bietet die beste Führung«. Am Ende steht die Mahnung, daß Gott allhörend, allsehend, ist. Er ist immer wachsam. Er hört das Wehklagen der Gequälten und Unterdrückten und beobachtet das Verhalten aller Seiner Geschöpfe. Wir dürfen weder erwarten, die Wohltaten einer Ordnung zu genießen, die wir nicht in die Praxis umsetzen, noch können wir hoffen, den Wirkungen und Strafen zu entgehen, die aus Sünden entspringen, insbesondere nicht im Zusammenhang mit der Erfüllung einer so heiligen Verpflichtung wie der Ausübung einer gütigen und wohlwollenden Regierung über Seine Geschöpfe und der Fürsorge für ihre Wohlfahrt und ihren unaufhörlichne Fortschritt.

Über die aufgestellten Grundsätze und die dargebotene Führung hinaus trifft der Qur-än auch Vorsorge für die Ausbildung von Muslims zur Erfüllung dieser Aufgaben. Der Heilige Prophet wurde ermahnt, seine Entscheidungen nach Aussprache und Beratung mit Beauftragten der Muslims zu fällen.

Es geschieht um Allahs Barmherzigkeit willen, daß du zu ihnen milde bist; und wärest du schroff (und) hartherzig gewesen, sie wären gewiß rings um dich zerstoben. So verzeih ihnen und erbitte Vergebung für sie; und ziehe sie zu Rate in Sachen der Verwaltung; wenn du aber dich entschieden hast, dann setze dein Vertrauen auf Allah. Wahrlich, Allah liebt die auf Ihn Vertrauenden. (III,160)

Gemeinsame Aussprache und Beratung werden im Qur-ân als Merkmal der Muslims beschriebene:

Und die auf den Herrn hören und das Gebet verrichten und deren Handlungsweise (eine Sache) gegenseitiger Beratung ist, und die spenden von dem, was Wir ihnen bereitet haben. (XLI l, 39)

Diesem System und dieser Ausbildung ist es zu verdanken, daß in den Anfangsjahren des Islams so viele ungebildete Wüstenbewohner binnen kurzer Zeit in überaus leistungsfähige Regierungs- und Verwaltungsbeamte verwandelt wurden.

Von weit größerer Bedeutung als diese wesentlichen politischen Grundsätze wie Verfassung usw. ist jedoch heute die Frage: »Welche Gesellschaftsordnung erstrebt der Islam?«

Neunhundert Millionen Muslims sind ein sehrwesentlicher Teil der Gesamtbevölkerung der Erde. Im großen und ganzen waren die letzten Jahrhunderte eine Zeit des Niedergangs für die muslimische Welt. Aber sie erwacht gegenwärtig und gibt vermehrte Anzeichen dafür, daß sie sich ihrer Stellung in der Welt - oder vielmehr ihres Mangels an Stellung - bewußt wird. Auf der Suche nach Grundsätzen und Methoden - oder nach einer »Ideologie«, um ein jetzt viel verwendetes Modewort zu gebrauchen - können die bedeutenderen Denker der muslimischen Welt nicht umhin, sich den eigentlichen Quellen der Führung im Islam - dem Qur-ân und dem Lehren und Wirken des Heiligen Propheten - zuzuwenden.

Die Beantwortung der eben von mir gestellten Frage kann sehr umfangreich werden. Ich werde mich aber auf einen kurzen Überblick für den durchschnittlichen Abendländer beschränken. Der Gelehrte weiß bereits sehr viel mehr über diese Dinge, als ich für mich in Anspruch nehmen kann. Ich denke, daß wir in diesen Erörterungen weniger beabsichtigen, Gelehrsamkeit und Forschung anzuregen, als vielmehr ein besseres Verständnis für Werte zu fördern, die, besonders in einer Zeit der Spannungen und Krisen, als letzter Ausweg geeignet sind, das Denken und Verhalten der Menschen zu beeinflussen.

Der grundsätzliche Mittelpunkt im Islam - oder die »Doktrin«, wenn Ihnen dieser Ausdruck besser zusagt - ist die Einheit Gottes. Alles andere, kann man sagen, stammt davon ab. Gott ist Eins: Er ist auch Einheit. Alles geht aus Ihm hervor und ist für seine Erhaltung, seine Ernährung und seinen Fortschritt von Ihm abhängig.

Alle Menschen sind Seine Geschöpfe und Diener. Der Islam erkennt keine auf Rasse, Abstammung, Farbe, Stellung, Besitz oder dergleichen beruhenden Vorrechte an. Der Grad an Gerechtigkeit im Leben eines Menschen ist gewissermaßen das einzige Adelsabzeichen.

0 ihr Menschen, Wir haben euch von einem Manne und einem Weibe erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, daß ihr einander kennen möchtet. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Allah der, der unter euch der Gerechteste ist. Siehe, Allah ist allwissend, allkundig. (XLIX.14)

Im Universum besteht grundsätzlich Einklang. Damit wird Gottes Macht und Herrschaft betont.

Gesegnet ist Der, in Dessen Hand die Herrschaft ist; und Er vermag alle Dinge zu tun. Der den Tod erschaffen hat und das Leben, daß Er euch prüfe, zu zeigen, wer von euch der beste ist im Handeln; und Er ist der Allmächtige, der Verzeihende, Der sieben Himmel im Einklang erschaffen hat. Keinen Fehler kannst du in der Schöpfung des Gnadenreichen sehen. So schaue zum anderen Mal: siehst du irgendeinen Mangel? So schaue abermals und abermals: dein Blick wird (nur) zu dir zurückkehren ermüdet und geschwächt. (LXVII,2-5)

Der Mensch und das Weltall sind zu einem Zweck erschaffen worden!

Und wir haben die Himmel und die Erde und all das, was zwischen beiden ist, nicht umsonst erschaffen. Das ist die Ansicht derer, die ungläubig sind. (XXXVIII, 28)

 

Allah hat die Himmel und die Erde in Wahrheit geschaffen und damit jede Seele belohnt werde für das, was sie verdient; und kein Unrecht sollen sie leiden. (XLV,23)

 

Wir haben die Himmel und die Erde und alles, was zwischen beiden ist, nicht anders erschaffen als in Wahrheit und auf eine bestimmte Zeit; die aber un-gläubig sind, die wenden sich ab von dem, wovor sie gewarnt werden. (XLVI,4)

Zweck der Schöpfung ist, Übereinstimmung zu erzielen und Gerechtigkeit und Gleichgewicht  durch ein Gesetz zu begründen.

Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waage herab, auf daß die Menschen Gerechtigkeit üben möchten. (LVII, 26)

 

Und den Himmel wölbte Er in der Höhe und stellte auf das Gesetz, daß ihr das Gesetz nicht übertreten möget. So wäget alle Dinge in Gerechtigkeit und fehlt nicht vor dem Gesetz. (LV,8-10)        

Der Islam lehrt, daß der Mensch als solcher nicht irgendein bestimmter Mensch oder eine Gruppe - Gottes Statthalter auf Erden ist.

Er ist es, Der euch zu Nachfolgern (anderer) auf der Erde machte und die einen von euch über die anderen erhöhte um Rangstufen, damit Er euch prüfe durch das, was Er euch gegeben. (VI, 166)

Das Universum und alles, was es enthält, ist dem Menschen dienstbar gemacht worden.

Allah ist es, Der die Himmel und die Erde erschuf und Wasser niederregnen ließ von den Wolken und damit Früchte hervorbrachte zu eurem Unterhalt, und Er hat euch die Schiffe dienstbar gemacht, daß sie das Meer durchsegeln nach Seinem Gebot, und Er hat euch die Flüsse dienstbar gemacht. Und dienstbar machte Er euch die Sonne und den Mond, die unablässig ihren Lauf Vollziehenden. Und dienstbar machte Er euch die Nacht und den Tag. Und Er gab euch alles, was ihr von Ihm begehrtet; und wenn ihr (versucht), Allahs Wohltaten zu zählen, ihr werdet nicht imstande sein, sie zu berechnen. (XIV, 33-35)

Hierdurch wird, zum Nutzen der gesamten Menschheit, der Forschung und dem Streben nach Wissen ein weites Gebiet erschlossen.

Da der Islam weder Gesellschaftsklassen noch auf Klassenunterschieden beruhende Vorrechte anerkennt, ist sein gesamter wirtschaftlicher und sozialer Gehalt darauf angelegt, die Brüderschaft der Menschen auf der Basis von Gleichberechtigung und Würde zu verwirklichen. Tatsächlich wird die Menschheit gewarnt, daß sie an den

»Rand einer Feuergrube« gestoßen werden könnte, falls sie nicht wahre Nächstenliebe entwickeln und aufrichtige Brüderschaft üben wird

Und gedenket der Huld Allahs, die Er euch gewährte » als ihr Feinde wäret; Er fügte eure Herzen so in Liebe zusammen, daß ihr durch Seine Gnade (wie) Brüder wurdet; ihr wäret am Rande einer Feuergrube und Er bewahrte Euch davor. Also macht Allah euch Seine Gebote klar, auf daß ihr geleitet seiet. (111,104)

Auf sozialem Gebiet hat der Islam den Geist der Brüderschaft und Gleichberechtigung dadurch hervorzuheben gesucht, daß er eine schlichte Lebenshaltung einführte und auf Förmlichkeit und Zeremoniell verzichtete. Alkoholische Getränke und andere Rauschmittel sind ebenso untersagt wie das Glücksspiel, und Mäßigkeit im Essen und Trinken wird eingeschärft. Es wird darauf hingewiesen, daß der Genuß von Rauschmitteln und das Frönen des Glücksspieles Feindschaft und Haß erregen und vom Gebet und Gedenken an Gott abhalten (V, 91-92).

Esset und trinket, doch überschreitet die Grenzen nicht; denn wahrlich, Er liebt nicht die Unmäßigen. (VII, 32)

In ihrem »goldenen Zeitalter« - wenn dieser Ausdruck gestattet ist - haben die Muslims nicht immer am Geist der diesbezüglichen islamischen Gebote und Lehren festgehalten. Dennoch ist der gesellschaftliche Verkehr in der muslimischen Gemeinschaft die ganze Zeit hindurch vollkommen frei und ungezwungen gewesen, und das Bewußtsein von Brüderschaft und Gleichberechtigung ist immer lebendig geblieben. Die rein religiösen Bräuche des Islams haben weitgehend dazu begetragen, dieses Bewußtsein lebendig zu erhalten. Die fünf täglichen Gebete in den Moscheen, wo keinerlei Unterschied - wie Zuteilung von Plätzen oder Kirchenstühlen - gestattet und der Zutritt allen gleich offen ist; die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka, zu der alle Pilger einheitlich mit zwei einfachen weißen Tüchern bekleidet sind; das sich auf einen Monat erstreckende jährliche Fasten mit seinen übereinstimmenden Vorschriften: all dies zielt in dieselbe Richtung.

In der Gegenwart ist es vielleicht das wirtschaftliche Gebiet, wo die Bewertungen, die der Islam einzuprägen suchte, das lebhafteste Interesse erwecken dürften.

Der Islam geht von der grundlegenden Tatsache aus, daß die Urquellen des Reichtums – die Erde mit ihren Möglichkeiten und Schätzen, die Himmelskörper, die Atmosphäre, das Klima usw. - Gottes Gaben an die ganze Menschheit sind und ihr unterstellt und dienstbar gemacht wurden. Sie können daher nicht Eigentum sein.

Güter werden erzeugt, indem diese Quellen nutzbar gemacht und die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten auf diese Nutzbarmachung angewandt werden. Hierzu sind Talent, Kapital und Arbeit aufzuteilen, und die Gemeinschaft als Ganzes, als Vermächtnisnehmern der Gaben Gottes, die ja die Urquellen allen Reichtums sind, muß auch an ihm teilhaben. Dieser Anteil der Gemeinschaft wird durch eine Kapitalsteuer die Zakat, sichergestellt. Die Wurzel des Wortes ist Zakka, das bedeutet »er reinigte« oder »er förderte«. Diese Steuer hat beide Eigenschaften Indem sie den Anteil der Gemeinschaft absondert, reinigt sie den Rest und macht ihn rechtmäßig für die Aufteilung unter Talent, Kapital und Arbeit Die Einnahmen aus dieser Steuer sind zur Förderung der Wohlfahrt der Gemeinschaft zu verwenden, zum Beispiel für die Linderung von Armut und Not, für die Durchführung dem Allgemeinwohl dienender öffentlicher Arbeiten, für den Unterhalt von Gelehrten und Forschern und jenen, die sich dem Dienst an der Menschheit widmen, für die Bereitstellung von Kapital für solche die nützliche Begabungen besitzen, sie aber wegen Mittellosigkeit nicht auswerten können, und für ähnliche Zwecke.

So bezeichnet der Qur-än den Zweck der Zakat: Nimm Almosen von ihrem Besitz, auf daß du sie dadurch reinigen und läutern mögest. (IX, 103)

Der Prophet selbst hat das Kennzeichen der Zakat mit folgenden Worten beschrieben:

»Ein Almosen, das von den Wohlhabenden erhoben und den Bedürftigen zurückerstattet wird.«

Die Zakat ist eine vom Staat erhobene gesetzliche Steuer, die von öffentlicher und privater Wohltätigkeit, zu der die Muslims auch wiederholt und nachdrücklich im Qur-än

aufgefordert werden, zu unterscheiden ist.

Bezüglich der Benutzung und Verwendung des Reichtums erstrebt der Islam die möglichst weitgehende Aufteilung und ständige Zirkulation. Die eben erwähnte Zakat ist eines der Mittel, eine sol-che Verteilung und Verbreitung zu gewährleisten. Der Nachdruck auf öffentlicher und privater Mildtätigkeit ist ein anderes (IV, 37-41; II, 262-275). Es gibt jedoch noch andere Vorschriften mit demselben Ziel.

Horten und Zurückhalten von Geld und Gut, Bakhala, werden als verabscheuungswürdige Sünden, die ihre eigenen Absichten vereiteln und schwere Strafen nach sich ziehen, strengstens verurteilt (IX, 34-35; IV, 37-38). Auf uneingeschränkte und großzügige Verwendung von Geld, Begabung und Wissen »auf Gottes Weg«, also für den Dienst an der Menschheit, wird als unerläßliches Mittel zur Förderung individuellen und nationalen Gedeihens Wert gelegt.

Siehe, ihr seid diejenigen, die berufen sind, in Allahs Weg zu spenden; doch unter euch sind manche, die geizig sind. Und wer geizig ist, der geizt nur gegen sich selber; denn Allah ist der Unbedürftige, und ihr seid es, die bedürftig sind. Und wenn ihr den Rücken kehrt, so wird Er ein anderes Volk an eure Stelle setzen, dann werden sie nicht gleich euch sein. (XLVII, 39)

Verschwendung ist jedoch untersagt; denn Verschwendung führt den Menschen in schlechte Gesellschaft und verleitet ihn zum Mißbrauch der Gaben Gottes (XVII, 28). Befohlen wird das Spenden »auf Gottes Weg«, um Gottes Wohlgefallen zu gewinnen. In der Tat wird hervorgehoben, daß das Vermögen der Wohlhabenden einen Anteil enthält, auf den die Bedürftigen Anspruch haben.

Und von ihrem Vermögen war ein Anteil für den, der bat, wie für den, der (es) nicht konnte. (U, 20)

 

So gib auch dem Verwandten, was ihm zukommt, wie auch dem Bedürftigen und dem Wandersmann. Das ist das Beste für die, die nach Allahs Antlitz verlangen,  und sie sind es, denen es wohl ergehen soll. (XXX,39)

Der Zins ist verboten: er schränkt den Umlauf des Geldes ein, häuft es zum Besitz weniger Menschen an und fördert Kriege (II, 276-280).

Gewerbe, Handel, Teilhaberschaften, Aktiengesellschaften und andere kommerzielle Unternehmen und Tätigkeiten sind keinen Beschränkungen unterworfen. Grundsätzlich darf man sein

Kapital in jedem gesetzmäßigen Unternehmen anlegen, das Geld in Umlauf setzt, Arbeitsplätze schafft und das Allgemeinwohl fördert. Untersagt sind Transaktionen, bei denen ein Darlehn unter der Bedingung gegeben wird, daß für seine Nutznießung eine festgelegte Gegenleistung - ohne Rücksicht auf das Schicksal des beliebenden Objekts - gefordert wird. Keine Einwände bestehen dagegen, wenn Transaktionen dem Allgemeinwohl durch erhöhten Geldumlauf und Förderung von Industrie und Handel nützen, und derjenige, der Geld - oder auch Güter – investiert, sowohl das Risiko mitträgt als auch am Gewinn beteiligt ist.

Eine andere Einrichtung, die darauf abzielt de Anhäufungen von Sachwerten oder Geld aufzulösen und eine weitgehende Verteilung zu sichern, ist das islamische Erbschaftssystem Zu Lebzeiten darf man - vorbehaltlich der vom Islam betonten Grundsätze der Nächstenliebe und Wohltätigkeit - nach Belieben über sein Eigentum verfügen. In bezug auf den Nachlaß ist je doch die Verfügungsgewalt genau begrenzt. Im Testament darf über nicht mehr als höchstens ein Drittel des Eigentums verfügt oder die Verwendung für wohltätige oder andere Zwecke bestimmt werden. Was übrig bleibt, nachdem die Bestimmungen des Testamentes erfüllt sind -zwei Drittel oder mehr -, muß in festgesetzten Anteilen unter die Erben verteilt werden. Unter dem islamischen Erbgesetz kann ihre Anzahl recht groß sein. Hinterließe ein Mann bei seinem Tode Vater, Mutter, Ehefrau, Söhne und Töchter, so wäre jeder von diesen ein Erbe und erhielte einen vorgeschriebenen Anteil der Erbschaft. Unter derselben Kategorie von Erben gibt es weder eine Bevorzugung noch einen Unterschied, wie zum Beispiel das Erstgeburtsrecht. Männer und Frauen sind alle Erben, obwohl der Anteil einer Frau im Allgemeinen die Hälfte des Anteils eines Mannes auf derselben Erbstufe beträgt. Der Grund hierfür ist, daß unter dem sozialen und wirtschaftlichen System des Islams die gesamte Verantwortung für den Unterhalt auf dem Ehemann, nicht auf der Ehefrau, lastet. Selbst wenn, wie es manchmal vorkommt, die Frau ein eigenes Einkommen hat, das größer als das ihres Mannes ist, bleibt es die gesetzliche Verpflichtung des Mannes, für den Familienunterhalt zu sorgen. Die Ehefrau ist nicht rechtlich verpflichtet, zu den Haushaltsausgaben beizusteuern.

So verteilt das islamische Erbrecht den Reichtum in jeder Generation. Das Ziel ist, lieber einer großen Anzahl einen bescheidenen Anteil zu geben, als einen einzigen Erben - oder eine kleine Anzahl - große Vermögen erben zu lassen. Daraus folgt jedoch nicht, daß kleine Landstücke oder anderer Grundbesitz unter alle Erben aufgeteilt werden müssen. Es steht dem Staat frei, Bestimmungen zu erlassen, die geeignet sind, das Aufteilen von Grundbesitz durch Vererbung einzuschränken und gleichzeitig den gesetzlichen Anspruch jedes Erben, seinen Anteil in bar oder in anderer Form zu erhalten, zu schützen.

Der Islam erkennt persönliches Eigentumsrecht und Privatbesitz an und gewährt ihnen vollen Rechtsschutz. Er beschränkt nicht den Reichtum, aber er regelt Art und Weise seiner Erwerbung und gibt die Zwecke an, für die er verwendet werden muß und für die er verwendet werden darf.

Mit anderen Worten: der Islam erkennt einen gewissen Grad von persönlichem Recht am Eigentum an. Er erlaubt seine Verwendung und seinen Genuß innerhalb gewisser Grenzen. Er macht Besitztum zu einer Art Verwaltungsamt, das wie anvertrautes Gut gehandhabt werden muß: .

»Jeder von euch ist ein Verwalter (wörtlich: ein Hirt) und ist verantwortlich für seine Verwaltung.« (Der Prophet)

Die Verschiedenheit von Begabung, Geschicklichkeit, Entschlußkraft, Unternehmungsgeist und dergleichen sowie infolgedessen auch von Einkommen und Lohn und eine Ungleichheit des Wohlstandes und der materiellen Mittel werden vom Islam anerkannt und sogar betont (XVI, 72).

Tatsächlich gehört eine gewisse Ungleichheit darin zum Sinn des Lebens. Der Islam sucht diese, wie auch alle anderen Begrenzungen und Einschränkungen, zur Förderung sozialer Zusammenarbeit auf gedeihlicher Grundlage zu verwenden:

Und helfet einander in Rechtschaffenheit und Förmigkeit; doch helfet einander nicht in Sünde und Feindschaft. Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist streng im Strafen. (V, 3)

Durch solche Zusammenarbeit, nicht durch Besehren dessen, womit andere ausgezeichnet sind, soll ein gesunder Fortschritt erreicht werden.

Und begehrt nicht das, womit Allah die einen von euch von den ändern ausgezeichnet hat. Die Männer sollen ihren Anteil erhalten nach ihrem Verdienst, und die Frauen sollen ihren Anteil erhalten nach Ihrem Verdienst. Und bittet Allah um Seine Huld. Wahrlich, Allah hat vollkommene Kenntnis von allen Dingen. (IV, 33)

Der Islam berücksichtigt und bestärkt den Wettbewerbsgeist, aber sucht ihn in ausschließlich wohltätige Bahnen zu leiten.

Und jeder hat ein Ziel, nach dem er strebt; wetteifert daher miteinander in guten Werken. (II, 149)        

Es könnte noch auf manche Aspekte des sozialen und kulturellen Gehaltes des Islams hingewiesen werden, aber was bis jetzt gesagt worden ist, sollte für unseren gegenwärtigen Zweck genügen. Ich denke, daß der Leser jetzt in der Lage sein wird, sich die vom Islam angestrebte Gesellschaftsordnung vorzustellen.
 

 

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